Haubenfaden
Der leidige Faden auf der Haube - das Folterinstrument schlechthin für jeden Flugschüler.
Das Ding dient einem vernünftigen Zweck : Er zeigt dir an, ob du deine Rumpflängsachse genau auf die Anströmrichtung der Luft entlang deiner Flugbahn ausgerichtet hast. Wenn der Faden NICHT gerade steht, erzeugt der Rumpf unnötigen Stirn- und Umströmungswiderstand. Wenn er gerade steht, fliegst du optimal.
Das ist aber auch schon alles. Lass dir von niemand einreden, es sei irgendwie gefährlich, den Faden auswandern zu lassen. Beim Slippen geht es gar nicht anders. Die Auswanderung des Fadens muss sich selbstverständlich in engen Grenzen ( ±50° inklusive Slip) bewegen.
Wenn du üblicherweise mit dem Faden nach vorne fliegst, solltest du mit deinem Fluglehrer mal grundsätzlich über Alternativen der Freizeitgestaltung diskutieren.
Beim schnellen Gleiten hat deine Kiste von sich aus schon konstruktionsbedingt die Tendenz, den Faden in die Mitte zu stellen. Die Seitenruderflosse stellt den Rumpf als Windfahne gerade. Asymmetrien an den Flächen arbeiten dagegen und verleiten deine Kiste zu schieben. Das kann durch schiefe Winglets passieren.
Beim Kurbeln ist das schon schwieriger, denn deine Flugbahn ist gekrümmt. Dein Fluglehrer hat dich sicher darauf getrimmt, den Faden in der Mitte zu halten. Er behauptet "schulmäßig", die Kiste steigt dann am besten.
Diese Behauptung ist nicht richtig.
Erstens: Selbst wenn dein Flugzeug schulmäßig mit 30° Schräglage im Kreis liegt, weht der Faden ein Jota aus, denn der Faden liegt vor dem Massenschwerpunkt des Flugzeugs und die Rumpfspitze kann mechanisch nicht genau in den Stromlinien liegen.
Diese - sozusagen "natürliche" - Auslenkung ist jedoch im Einsitzer ganz gering, ein oder zwei Fadenstärken.
Deutlicher zeigt sich das im Doppelsitzer mit einer langen Schnauze bei zwei Fäden. Da stimmen die Fäden am vorderen und hinteren Sitz im Kurvenflug höchst selten überein. Wenn der hintere Faden in der Mitte ist, steht der vordere leicht außen. Wenn der vordere Faden in der Mitte ist, hängt der hintere in die Kurve.
Zweitens: Wenn eine gleichmäßige Kurve geflogen wird, bewegt sich immer die kurveninnere Fläche langsamer durch die umgebende Luft als die äußere. Zwangsläufig erzeugt dann die äußere Fläche mehr Auftrieb als die innere. Das führt dazu, dass deine Kiste nicht auf der gleichen Schräglage bleiben will. Sie will sich in die Kurve stürzen. Und dem wird "schulmäßig" entgegen gewirkt durch das "Abstützen", einem kleinen Querruderausschlag gegen die Kurvenrichtung.
Je nach Flugzeugtyp wird dadurch das nach unten ausgeschlagene innere Querruder Widerstand erzeugen und versuchen, das Flugzeug in die Kurve zu drehen. Dem musst du entgegenwirken, in dem du ein Jota Seitenruder aus der Kurve raus gíbst. Also weht der Faden aus, vielleicht fünf Fadenstärken.
So weit - so gut. Leider erhöhen aber dauerhaft ausgeschlagene Querruder den Widerstand deines Flugzeugs beträchtlich und sie verringern den Auftrieb. Und aus diesem Grund wirst du "schulmäßig" nicht optimal steigen.
Nun mach mal aus der Not eine Tugend. Slippe ganz ganz schwach in die Kurve hinein. Du nimmst die Nase ein Jota höher als zuvor. Der Faden darf dabei zwischen 2 und 10° zur Kurvenaußenseite auswehen. Dadurch ist die kurvenäußere Fläche strömungstechnisch ein kleines bisschen vom Rumpf abgeschattet und erzeugt genau so viel weniger Auftrieb, dass die Kiste nicht mehr in die Kurve kippt. Da brauchst du keine Querruder mehr. Das Flugzeug bleibt stabil in der Kurve.
Du wirst sicher sagen: Das kann doch auch nicht optimal sein! Slippen erzeugt doch auch Widerstand!
Stimmt !! Du wählst zwischen zwei Übeln. Ein Dilemma, wie bei Aischylos in einer griechischen Tragödie ;-)
Aber: Nach meinen Erfahrungen und nach denen sehr vieler Leistungsflieger ist das effektiver als die Schulmethode. Ein kleiner Vorteil mag auch darin noch liegen, dass die Faden-Auslenk-Methode zur Folge hat, dass du ein kleines bisschen langsamer fliegen kannst, dass du damit eine engere Kurve fliegen kannst, dass du dadurch ein bisschen besser im Kern des Aufwinds bleibst.
In den 60-igern und 70-igern bin ich viel auf verschiedenen Bergfalken und Mü-s geflogen. Da gab es Maschinen, die hatten sogar Fadenauslenkmarkierungen da, wo der Faden beim Kurbel (außerhalb der Mitte) zu stehen hatte. Der Bergfalke ist eindeutig besser gestiegen, wenn man ihn eng und relativ zu flach durch die Kurve geslippt hat, als wenn man versucht hat, eine enge steile saubere Kurve zu fliegen. Höhenruder und Seitenruder waren einfach nicht wirksam genug. Im Jargon hieß das damals : Einen 20-er Nagel in den Bart hauen und den Flieger drum herum schleudern.
Solche Effekte, wenn auch schwächer, zeigen moderne Flugzeuge auch. Das erklärt, warum einige Typen gerne mit auswehendem Faden steigen (siehe meine DG), andere sauber geflogen werden wollen.
Ich habe darüber hinaus die Erfahrung gemacht, dass man sich in schwacher Thermik bemühen muss, den Faden exakt zu führen (eventuell auch exakt ausgeweht), dass es aber in starker, auch in engerer Thermik mehr darauf ankommt, ins Zentrum zu kommen und dort zu bleiben, als den Faden zu führen.
Wenn du dir einen Slipstek in den Faden fliegst, musst du ihn halt abends wieder rauspusseln.
Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass es beim Fliegen mit Wasser problematisch werden kann, wenn der Faden über eine längere Zeit massiv auswandert und dies eine hängende Fläche anzeigt. Wenn das Wasser in halb vollen Tanks in Richtung einer hängenden Fläche marschieren kann, dann musst du schnell fliegen, damit die Querruder die Fläche wieder hoch bekommen.
Fazit : Kurbeln mit Faden (möglichst) in der Mitte sollte das Ziel sein, aber das muss sich den Gegebenheiten unterordnen : Flugzeugeigenschaften, Barteigenschaften. Gut ist, was Steigen macht.
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