Immer cool bleibenBevor du daran denkst, auf einen ernsthaften zentralen Wettbewerb mit Qualifikation für weitergehende Meisterschaften zu gehen, solltest du dich fragen, ob du dir und und allen Konkurrenten, die ja mit dir fliegen müssen, das zutrauen kannst.

Ein Wettbewerb ist sicher nicht die Plattform, um grundlegende handwerkliche Dinge zu lernen. Die musst du vorher schon beherrschen : Mit anderen zusammen im Pulk kurbeln - und Endanflüge.

 

  • Endanflüge zu üben, das ist einfach zu bewerkstelligen. Jeder Flug in Platznähe kann mit einem scharf gerechneten Endanflug beendet werden. Wenn du den Endanflug auf 300 m Endanflughöhe rechnest, dann kannst du vielleicht sogar durchstarten, den Flug verlängern und noch einen Endanflug üben. Letztendlich müssen die Endanflüge aber knapp werden, denn Kurbelzeit für überflüssige Höhe gibt es nicht zu verschenken.
  • Pulkfliegen zu üben ist schon schwieriger, denn zu welchen Gelegenheiten treffen sich am heimatlichen Platz schon mal 10 Flugzeuge in einem Bart. Deshalb musst du diesen Fall mit Teamfliegen simulieren.
  • Wichtig ist, dass du gelernt hast zu kurbeln, ohne dauernd in deinen Uhrenladen zu schauen, aber dabei den Himmel permanent hinsichtlich der anderen Flugzeuge, der Wolkenentwicklung etc. abzuscannen. Dabei fliegst du nach Fahrtgeräusch und Ruderdruck und auch noch schiebefrei saubere Kreise. Das kannst du üben, auch ohne dass ein Schwarm weißer Geier um dich rum kreist.

Ein Wettbewerb ist anstrengend, insbesondere bei gutem Wetter. Da wird jeden Tag geflogen und die Aufgaben sind groß, die Flüge lang. Wer das nicht gewöhnt ist, hängt spätestens am vierten Tag durch - und wird damit zu einer Gefahr für die Anderen.

Flüssigkeitsmangel bei langen Flügen wirkt lähmend bis zum anderen Tag nach. Mehrere Tage nacheinander ohne ausreichende Flüssigkeitsaufnahme sind mörderisch. Der Flüssigkeitsmangel akkummuliert sich. Es ist zwar möglich, einen tagelangen Mangel während eines Tages im Sinne "Wasserstand" wieder aufzuholen, aber die physiologischen Nachwirkungen kann dein Körper innerhalb eines Tages nicht beheben. Du musst dich zwingen, mehr zu trinken als gewohnt, sonst gefährdest du dich und andere. Wenn dich die Befürchtung leitet, dass du während des Fluges pinkeln musst und das nicht kannst, dann darfst du eigentlich keinen Wettbewerb fliegen.

Auf Wettbewerben kommt es nach guten Tagen mit vielen Heimkommern oft zu Partystimmung, die zu Festen bis tief in die Nacht führen. Lass dich nicht verführen. Um 11 Uhr abends spätestens solltest du deine Matratze liebkosen, denn um 7 Uhr musst du wieder auf die Beine.

Komme nicht in Hetze. Du musst deinen Tag einteilen und dich organisieren: Essen, Trinken (Wasser, verdünnte Säfte, abends zwei Bier oder Weizen, keinen harten Alkohol), Vorbereitungen treffen, Schlafen, Ausgleichssport.

Ein Wettbewerb provoziert Außenlandungen. Da hilft kein theoretisches Üben und auch keine Außenlandeübung am Platz. Diese Außenlandungen sind real. Du wirst erleben, dass du zwischen den Extremen schwanken wirst

  • entweder alle Hoffnung auf Erfolg in der Wertung aufzugeben und zu hoch zu beginnen, deine Aufmerksamkeit der drohenden Außenlandung zu widmen
  • oder dich zu spät auf die Außenlandung zu konzentrieren, womit du Gefahr läufst, ein Feld anzunehmen, was nicht ideal ist, mit allen Risiken und Konsequenzen.

Der erste Wettbewerb wird oft als Henne-Ei-Problem empfunden: Du musst schon was können, um einen Wettbewerb sicher zu überstehen. Andererseits: Wenn du erst einmal an einem teilnimmst, wirst du sprunghaft Erfahrung, Sicherheit und Können sammeln.

  • Wenn du zu früh gehst, stresst dich die Sache, musst eventuell sogar Angstsituationen durchleben, und weitere Wettbewerbe machen dir keinen Spaß mehr - und das wäre schade.
  • Wenn du zu spät gehst - mit viel Erfahrung am Platz - verlierst du zwar Zeit, vermeidest aber Risiken.

Wichtig ist, dass du am heimatlichen Platz nicht nur bei bestem Wetter in der Gegend herum geschossen bist, sondern auch bei schwachem Wetter erfolgreich überland fliegst, denn der Wettbewerbsleiter nimmt keine Rücksicht auf deine fehlende Schwachwetter-Erfahrung. Im Gegenteil: Wettbewerbe werden fast nie an Renntagen entschieden, dafür meistens an den schwachen Tagen mit vielen Heimkommern.

Du musst von dir selbst wissen, welche Reisegeschwindigkeiten du bei verschiedenen Wetterlagen schaffst. Du brauchst ein Gefühl für deine Leistungsfähigkeit. Das erhältst du nur, wenn du unter verschiedenen Wetterbedingungen geplante Strecken über mehr als 250 km geflogen bist statt den heute oft geübten OLC-Zufallsjojos nach dem besten Wetter und dem günstigsten Wind.

Es ist immer eine gute Idee, sich vor dem ersten eigenen Wettbewerb einmal als Mannschaftsmitglied eines erfahreneren Piloten auf einem Wettbewerb mit Quali-Niveau die Luft um die Nase wehen zu lassen. Wenn du ehrlich bist zu dir selbst, wirst du dann den für dich richtigen Zeitpunkt, um den ersten eigenen Wettbewerb zu fliegen, selbst herausfinden.

Hole dir erste Erfolgserlebnisse auf einem Vergleichsfliegen. Das motiviert und zeigt dir, wo du in der relativen Leistungsskala stehst.

Die Marburg Open WAR ein idealer Wettbewerb für den Wettbewerbseinstieg. Es war in der Regel kein Qualifikationswettbewerb, aber es wurde wirklich ernsthaft geflogen. Der Wettbewerb wurde von Werner Meuser und Tobias Frommhold professionell geführt. Es waren immer gute Piloten da. Das fliegerische Niveau war hoch, es wurde scharf geflogen, immer anspruchsvolle Strecken, nicht an allen Stellen einfach landbares Gelände, aber man holte sich nicht den Frust verpatzter Qualifikationen. Hier konntest du die erste Wettbewerbsluft schnuppern, zuerst als Bodenmannschaft, dann als Pilot. Außerdem war das Kommunikationsklima in Marburg immer locker, nie verkrampft. Wenn du Fehler gemacht und deine Wertung versaust hattest, kam immer einer und half dir "verdauen".

Leider gibt es diesen Wettbewerb nicht mehr. Und einen direkten Ersatz habe ich noch nicht gefunden.

 

In der mir eigenen bescheidenen Art (seufz) nenne ich hier ein paar Grenzbedingungen, an denen du dich messen kannst, bevor du die Idee wahr machst, an einem ernsthaften zentralen Wettbewerb mit Qualifikationsniveau teilzunehmen :

  • Silber-C-Bedingungen nachgewiesen
  • mindestens ein angemeldetes und als erfolgreich umrundet dokumentiertes FAI-Dreieck über 300 km oder mehr, aus eigener Kraft, ohne Mitflieger, ohne Team
  • mindestens 5 echte Außenlandungen (nicht auf einem Fluggelände), davon 3 auf dem Muster, mit dem du zum Wettbewerb gehen willst und vorzugsweise nicht in der Steinzeit, sondern im letzten oder vorletzten Jahr
  • mindestens 150 Stunden Flugerfahrung als verantwortlicher Pilot (Doppelsitzerzeit zählt nur, wenn hinten kein alter Hase drin saß)
  • mindestens 50 Stunden Flugerfahrung der vorgenannten Art im vergangenen Jahr
  • mindestens 15 Stunden im laufenden Jahr, bevor du zum Wettbewerb antrittst
  • Wiederholung der Außenlandeprüfung (unter FL-Aufsicht) vor dem Wettbewerb auf dem Muster, das du zum Wettbewerb fliegen willst

Zwar nur dritter Platz, aber Spaß hat es trotzdem gemachtWenn du vorher bei einem Quali-Wettbewerb mal im zweiten Sitz mitgeflogen bist, dann hat dir das zwar Erfahrung geschenkt, aber die vorgenannten Bedingungen solltest du dennoch beachten. Mitfliege-Erfahrung ersetzt nicht die Erfahrung autarker (Fehl-)Entscheidungen beim Alleinefliegen. Eine Außenlandung mitzuerleben bedeutet nicht, das du eigene Außenlandungen beherrschst.

Tja, geschenkt bekommst du das Treppchen nicht, aber dann wär's ja auch nichts wert ...

… aber rechne damit, dass du infiziert wirst mit dem "bacillus adherens wettbewerbiensis officinalis", zu deutsch die "Gemeine Wettbewerbssucht". Gegen die ist kein Kraut gewachsen.

 

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