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Bruno Gantenbrink: Sorglosigkeit ist der Tod jedes Sicherheitsbewußtseins.

Ein Segelflieger kann/darf nicht sorglos und gleichgültig und völlig stressfrei sein. Er kann, wenn er Fehler macht, Leben zerstören, sein eigenes und/oder das Dritter, nicht zu reden von Wertvernichtung. Er braucht eine (An-)Spannung, die alle Sinne mobilisiert und ihm eine weite Wahrnehmung ermöglicht. Für mich (Horst) ist das immer die prickelnde Vorfreude und Neugierde auf das, was ich beim Fliegen erleben darf.

Ein Segelflieger darf aber auch nicht ängstlich in seiner Kiste hocken, weil er befürchtet, Fehler zu machen. Dann erleidet er ja Stress. Da sind die Fehler vorgezeichnet und der Spaß ist minimal. Jeder Pilot macht Fehler. Er muss damit leben, aber andererseits sich selbst soviel vertrauen, dass er sich in die Kiste setzt, ohne vor Angst zu schwitzen.

Fehler machen alle, auch die ganz erfahrenen Piloten. Fehler bilden die Möglichkeit zu lernen, wenn sie bewusst und nüchtern zur Kenntnis genommen werden und zur Reflektion führen. Nachdenken über die Sache gibt erst die notwendige Sicherheit. Sicherheit ist die Grundlage zur Vermeidung von negativem Stress : Ein positiver Regelkreis, wenn man ihn bewusst lebt.

Ein Beispiel:
In 600 m NN über Beerfelden im Odenwald sehe ich dicht unter mir landbare Felder. Da ist Angst fehl am Platz. Ich mag verärgert sein, dass ich Dämel mich mal wieder in eine Situation geflogen habe, wo eine Außenlandung wahrscheinlich ist. Ich werde auch gespannt sein, ob es mir gelingt, aus 150 m GND noch ein Bärtchen zu finden. Und ich bin vielleicht besorgt, weil jede Außenlandung immer mit erhöhtem Risiko abläuft. Aber Angst ... habe ich nicht, denn ich weiß, dass ich meine Kiste beherrsche und auf einem der Rübenfelder landen kann.

Angst sorgt für Adrenalin-Ausschüttung aus den Nebennieren in die Blutbahn. Das hat die Natur im Laufe der Evolution so eingerichtet, damit wir Menschen in Momenten der Gefahr ohne Rücksicht auf Schmerzen und Gebrechen wegrennen können. Das Blut wird in die Muskeln gesteuert, nicht ins Hirn. Adrenalin ist fürs Rennen gemacht, nicht fürs Denken. In Situationen wie der beschriebenen brauchen wir aber unseren Kopf, nicht die Beine - und unsere Wahrnehmung wird durch das Adrenalin tunnelblickartig eingeschränkt.

Also: Wir dürfen es gar nicht so weit kommen lassen. Cool bleiben! Don't panic! Überraschende Situationen treten immer wieder auf. Das lässt sich nicht vermeiden. Du musst lernen, nach einem möglichen Erschrecken möglichst schnell wieder zu einer weiten, nicht durch Stress und Tunnelblick eingeschränkten Wahrnehmung zurückzukommen.

Besorgtheit - ja !!         Angst - nein !!

Beim Fliegen hat man immer seinen inneren Schweinehund dabei, sein alter ego. Es ist der elementare Freud'sche Kampf zwischen dem "ES" und dem "ICH", den wir da miterleben. Die Urangst aus dem ES hält uns am Leben oder steht uns im Weg. Zumindest erlebe ich (Horst) das so. Entweder man ist unsicher und ängstlich, wenn das ES überwiegt. Oder wir negieren das ES und neigen zur Selbstüberschätzung. Beides kann gefährlich sein. Aber wir haben damit umzugehen gelernt.

Wenn du dich nicht traust,

  • das eigene Flugzeug und dich selbst mal zu belasten, spürbaren Sitzdruck zu ziehen,
  • schnell zu fliegen, am roten Strich,
  • langsam zu fliegen bis zum Abkippen,
  • eine Lazy Eight zu fliegen,
  • zu slippen,
  • leichten Kunstflug zu machen (aber bitte nach Einweisung),
  • die Ruder hart zu bewegen, wenn es angebracht ist,

aus Furcht, es könne ein Phänomen auftreten, das du nicht kennst, dann bist du noch nicht zu Ende geschult. Manche Menschen spüren diese Grundfurcht vor dem möglicherweise Unbekannten überhaupt nicht, andere legen sie nie ab.

Wenn du diese Grundfurcht noch nicht im Griff hast, kannst du keinen Leistungsflug machen. Sie steht dir im Weg. Leistungsflug bedeutet immer: Ich gehe bewusst ein Risiko ein. Damit musst du leben können - oder es lernen - oder es ganz und gar sein lassen.

Wohlgemerkt:
Das bedeutet nicht, dass Leistungsflug zur Verantwortungslosigkeit erzieht. Im Gegenteil, Angst wird vermieden, wenn du immer mit Plan B und C im Kopf fliegst und ein Repertoire an Handlungen abrufen kannst. Die Technik, in der du fliegst, ist ausgereift. Die funktioniert. Du musst dich selbst kennenlernen, denn du bist das schwache Glied in der Kette. Und das geht nur, wenn du unter sicheren Bedingungen Grenzen erkundest. Wenn du Grenzen überwindest, überwindest du auch die Angst, ohne die Besorgtheit zu verlieren.

Apropos Fehler:
Ich will dir und deinem Verein nicht zu nahe treten. Aber ich glaube mit hoher Wahrscheinlichkeit behaupten zu können, in deinem Verein herrscht - wie in den meisten - auch in meinem - eine Mentalität und Kultur, die Fehler bestraft.

PuMist = punish mistakes !!

Ich will dir klarmachen, dass du dich selbst nicht betrügen darfst. Du musst dir deine eigenen Fehler eingestehen, auch wenn du sie in deinem eigenen Verein nicht offen diskutieren kannst, ohne in den Boden gestampft zu werden. Wenn dir in deinem Verein die Gesprächspartner dazu fehlen, suche sie dir im Nachbarverein. Du beraubst sich sonst der Möglichkeit, aus deinen Fehlern nachhaltig zu lernen.

Dazu solltest du bei der Rekapitulation deines Fluges nach der Landung auch deine Fehler notieren.

 

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